Moleskine-Notizbuch – das Erbe des Bruce Chatwin

Moleskine-Notizbücher erfreuen sich seit nunmehr einigen Jahren steigender Beliebtheit. Dies obwohl sie vergleichsweise teuer und nicht unbedingt praktischer als herkömmliche Notizhefte sind. Was also ist das Geheimnis rund um den Erfolg des Mailänder Unternehmens?!

Ernest Hemingway, Vincent Van Gogh und nicht zuletzt auch Pablo Picasso – sie alle sollen die Vorzüge der Moleskine-Notizbücher gekannt und für ihr Wirken genutzt haben. Zu diesem Schluss jedenfalls, kommt so manch einer, der sich die beiliegende Broschüre des erst 1998 (also nach dem Tod der oben genannten Herren) eingeführten und heute so beliebten Notizbuches anschaut. Dass die genannten Herren der Schöpfung ihre kreativen Gedanken und Ideen tatsächlich mit Hilfe eines Moleskine festhielten, würde das auf einen Wert von 600 Millionen Euro geschätzte und börsennotierte Moleskine nie behaupten und tut es auch nicht wirklich. Man bedient sich lediglich einer vermarktungstaktisch klugen Ausdrucksweise um das eigene Produkt mit den Namen solch großer und historischer Schöpfer zu schmücken.

So heißt es: „Moleskine® ist das Erbe des legendären Notizbuches von Künstlern und Intellektuellen der vergangenen zwei Jahrhunderte, von Vincent Van Gogh bis Pablo Picasso, von Ernest Hemingway bis Bruce Chatwin. Ein treuer Reisegefährte in der Tasche für Skizzen, Notizen, Geschichten und Impressionen, bevor sie zu berühmten Bildern oder zu Seiten von geliebten Büchern werden sollten.“

Tatsächlich nutzten zur Lebens- und Schaffenszeit dieser ehrwürdigen Herren viele Autoren und Kunstschaffende Notizbücher ähnlichen Charakters zum Festhalten ihrer Ideen umd Skizzen. Sie waren, so lässt sich vielen Bildern und Aufzeichnungen entnehmen, ein beliebtes Notizmittel im Europa des 19. bis 20. Jahrhunderts. Hierbei handelte es sich jedoch um handgefertigte und namenlose Notizbücher meist französischer Buchbindereien.

Nicht mehr aus dem kreativen Alltag wegzudenken

© hillmann54 / flickr.com (CC)

© hillmann54 / flickr.com (CC)

Der heute vom Hersteller Moleskine aufgeführte britische Schriftsteller Bruce Chatwin war es, der dem so beliebten Notizbuch schlussendlich seinen Namen verlieh. So beschrieb er in seinem wohl bekanntesten Werk „Traumpfade“ detailliert das Notizbuch, welches erst 10 Jahre später vom gleichnamigen Unternehmen auf den Markt gebracht wurde. Chatwin selbst jedoch hat davon nichts mehr mitbekommen, verstarb er doch 2 Jahre nach der Veröffentlichung seines Bestsellers 1989 im französischen Nizza an AIDS.

Wäre dem nicht so gewesen, würde sich Chatwin sicherlich über den enormen Erfolg des von ihm in weiser Voraussicht beschriebenen Notizbuches freuen und angesichts des unlängst gemeisterten Börsengangs des Unternehmens wohl auch eine Teilhaberschaft anstreben. Mittlerweile stellt das Mailänder Unternehmen auch viele andere Produkte unter gleichem Namen her. So etwa: Taschen, Stifte, Lesebrillen, Etuis etc.

Warum nun das Moleskine-Notizbuch sich einer solch großen Beliebtheit erfreut, scheint klar: es kombiniert die Vorzüge, die bereits große Kunstschaffende und Intellektuelle vor mehreren Jahrzehnten weitergebracht haben mit gekonntem Marketing und zeitlosem Produktdesign. Obwohl heute in Italien entworfen und größtenteils in China produziert, ist das Moleskine nicht mehr aus dem kreativen Alltag wegzudenken. Mittlerweile haben sich etliche Hersteller an Kopien versucht, die jedoch – wie so oft – nicht an die Qualität des Originals herankommen.

Bernard Bruck

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